Reenactment aus Aschaffenburg

Darstellung und Handwerk

Kleidung, Gegenstände und Handwerk

Der eigentliche Kern unseres Hobbys ist das möglichst authentische Darstellen vergangener Epochen, im Falle der Markwölfe des europäischen Frühmittelalters. Hierzu bedienen wir uns Rekonstruktionsmethoden, die ähnlich auch in der experimentellen Archäologie Anwendung finden. Wir fertigen Kleidung und Gegenstände anhand von Quellen (Funde, zeitgenössische Darstellungen, Schriftquellen) nach Möglichkeit selbst an oder beziehen diese von Handwerkern, die nach solchen Quellen arbeiten. Wir sind stets bestrebt uns immer weiter zu entwickeln. Von dem gekauften oder von Hand selbst genähten Kleidungsstück aus authentischen Textilien über mit natürlichen Substanzen gefärbte Stoffe bis hin zu selbst geschmiedeten Waffen und Rüstungsteilen. Wo immer es möglich ist, versuchen wir dabei auch mit rekonstruierten, zeitgenössischen Werkzeugen und Arbeitsmethoden vorzugehen.

In unserer Gruppe werden unter anderem Holz- und Lederarbeiten angefertigt, wir nähen und färben viele Kleidungsstücke selbst und auch geschmiedete Werkzeuge und Waffen werden in der Gruppe hergestellt. Daneben werden die rekonstruierten Techniken des Nadelbindens (Nålbinding), eines frühen Vorgängers des modernen Strickens, sowie des Brettchenwebens zum Herstellen von Zierborten von einigen Markwölfen ausgeübt. Bei unseren Bemühungen sind uns natürlich, wie bei jedem Hobby, auch Grenzen an Aufwand und Zeit gesetzt, was immer wieder das Eingehen von Kompromissen notwendig macht.

Das Bild der Vergangenheit, welches wir mit unserer Darstellung zum Leben zu erwecken versuchen, beruht auf Bodenfunden und -befunden, bildlichen Darstellungen und Schriftquellen. Letztere sind jedoch ausschließlich von "Fremden" bzw. Kontrahenten der von uns Dargestellten verfasst worden (z.B. römischen Schreibern, christlichen Missionaren oder Händlern/Botschaftern aus dem arabisch-muslimischen Raum) und daher mit entsprechender Vorsicht zu genießen (im Sinne von "die Geschichte wird von den Siegern (um)geschrieben"), immer unter Beachtung der Perspektive der Verfasser und des daraus resultierenden Interpretationsspielraumes. Trotz der teilweise zahlreichen, meist aber eher spärlichen Quellen bleibt jedoch immer eine mal mehr und mal weniger große Unsicherheit.

Das schmale Schlaglicht, das die moderne Archäologie in diese Zeiten werfen kann, liefert uns keinesfalls ein vollständiges und in allen Belangen wirklichkeitsgetreues Bild individueller und gesellschaftlicher Lebenswirklichkeit. Wir können anhand aussagekräftiger Funde und anerkannter Interpretationen maximal eine Annäherung an vergangene Zeiten erreichen. Doch über solch eine grobe Annäherung, letztendlich auf Vermutungen aufbauend, können wir dabei nie hinaus gelangen.

Kultur, Sprache und Gesellschaft

Zu einem umfassenden Erlebnis gelebter Geschichte gehört für viele auch der Versuch gesellschaftliche Verhältnisse, Standesdünkel und pseudo-historische Sprache zu porträtieren. Bei den Markwölfen nehmen wir aus verschiedenen Gründen Abstand von solchen Bemühungen. Wenn schon die Rekonstruktion von Gegenständen und greifbaren Tatsachen schwierig ist, kann davon ausgegangen werden, dass Bestrebungen zum Nachstellen von Geisteshaltungen, Gestus und Duktus noch weitaus schneller ins Reich von Vermutung und Phantasie abdriften. Daher beschränken wir unsere Darstellung auf die reine Sachkultur, den materiellen und leichter zu erforschenden Teil der Geschichte mit deutlich höherer Aussagekraft und Belegbarkeit.

Was jedoch nicht bedeutet, dass wir die kulturellen und sozialen Begebenheiten ignorieren. Sich auch mit diesen Aspekten zu beschäftigen ist für uns ein durchaus wichtiger Bestandteil des Hobbys. Die Kenntnis historischer Daten und Fakten über Wanderungs-, Siedlungs- und Assimilationsvorgänge, kriegerische Konflikte, wirtschaftliche Begebenheiten und Erfordernisse etc. gehören bei den Markwölfen fest zu den Bemühungen um ein umfassendes Verständnis der spannenden Vergangenheit. Ebenso die Auseinandersetzung mit Sprachen sowie überlieferten Texten mythologischer, legendärer und heldischer Natur. Auf den Versuch, diese Eindrücke und Hintergründe in eine Art schauspielernde Darbietung der Vergangenheit zu überführen, verzichten wir allerdings aus den genannten Gründen sowie mangelndem Talent. Nicht Schauspiel und Show stehen bei uns im Mittelpunkt, sondern das Erleben und erlebbar Machen fundierter Aspekte der Vergangenheit.

Recherche, Romantisierung und Ressentiments

Die rasant wachsende Reenactment Szene stellt in Foren, Wikis und sozialen Netzwerken einen großen Fundus an Material über verschiedenste Epochen bereit. Fundkataloge, Museen und Fachliteratur sind heutzutage jedem Interessenten ohne großen Aufwand zugänglich. Die Suche nach einem bestimmten Detail für die eigene Darstellung kann einen durch einen ganzen Reigen historischer Fakten, Vermutungen und Halbwahrheiten führen. Hier gilt es, wie überall, die Vertrauenswürdigkeit und Interpretation von Quellen stets aufmerksam zu hinterfragen. Die meisten unserer Mitglieder sind jedoch lediglich Laien und Hobbyisten ohne entsprechende fachliche Ausbildung in den Geschichtswissenschaften und der Archäologie und damit nur in begrenztem Umfang zu fundierter Quellenkunde und -kritik befähigt. Recherche und Nachforschung sind zwar ein schöner und elementarer Bestandteil unserer Tätigkeit. Den Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit und Methodik können und wollen wir dabei allerdings nicht erheben.

Und bei aller Gewissenhaftigkeit bleibt auch Romantisierung zu einem gewissen Grade nie aus. Auch der hochwertigste und authentischste Mittelaltermarkt bleibt stets nur eine Darstellung einzelner, ausgewählter und bisweilen stark interpretierter historischer Aspekte. Ein Fenster in herrschende Vorstellungen über vergangene Zeiten, ganz bestimmt aber keine Zeitreise. Existentielle Bedrohungen durch Krankheit, Hunger und Gewalt kommen dort zum Beispiel (zum Glück) nicht vor. Viele Menschen assoziieren mittelalterliche Zeiten mit dem verklärten Bild eines einfacheren, freieren oder abenteuerlichen Lebens. Wir würden dieses Hobby wohl nicht ausüben, wenn nicht auch wir einen zumindest etwas romantisierten Blick und eine starke Faszination für die Vergangenheit hätten. Aber weder ein Loblied auf 'gute alte Zeiten' noch Schauergeschichten vom 'finsteren Mittelalter' werden den Ansprüchen die wir an uns stellen gerecht. Auf dem Grat zwischen diesen Extremen versuchen wir für uns selbst sowie für Veranstalter und Besucher ein möglichst sachliches Bild der Geschichte zu erzeugen - dabei aber auch nie zu vergessen, was wir mit diesem Bild eben alles nicht zeigen können.

Auf den Komfort moderner Medizin, Transporttechnologie und Lebensmittelversorgung verzichten wir dabei freilich nicht vollständig. Denn entgegen der oft über Reenacter grassierenden Vorurteile sind wir weder fortschritsfeindlich noch würden wir gerne tatsächlich in den von uns dargestellten Epochen leben. Living History ist die hobbymäßige Beschäftigung mit der Vergangenheit. Es ist eben nicht die Unzufriedenheit mit der heutigen Zeit und eine daraus resultierende 'Flucht in die Vergangenheit'. Gerade wenn man es schafft sich den Umständen früherer Zeiten ein wenig zu nähern, weiß man die warme Dusche und den elektrischen Herd danach wieder umso mehr zu schätzen. Das Gleiche gilt für die gesellschaftlichen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, die wir natürlich ebenfalls nicht missen wollen. Die immer wieder gegen Reenacter vorgebrachten Vorwürfe, unter dem Deckmantel ihres Hobbys archaische Geschlechterrollen, monarchistische Staatsphantasien oder völkisch-nationalistisches Gedankengut zu transportieren, entbehren eindeutig jeder Grundlage. Auf jeden Fall in Bezug auf unsere und alle mit uns befreundeten Gruppen und Personen.

Es gibt leider durchaus auch Menschen, die gerade mit der 'historischen' Darstellung sogenannter 'nordischer und germanischer Völker' verworrene, unsachliche und wissenschaftlich unhaltbare Abstammungs- und Kulturvorstellungen verbinden. Wer an so etwas glaubt ignoriert schlicht und einfach alle Fakten. Wer sich selbst einen 'Erben der Wikinger (oder Germanen)' nennt, über den Kampf seiner 'Ahnen' gegen die römischen Invasoren spricht oder die Christianisierung seiner 'Urväter' verdammt, der zeigt damit ein großes Unverständnis für Zu-, Abwanderungs und Vermischungsvorgänge sowie historische Tatsachen und Zusammenhänge im Allgemeinen. In den Augen der Markwölfe sind Individuen, die versuchen auf eine derart plumpe und ignorante Art die Vergangenheit zu verdrehen und für menschenverachtende Demarkations- und Exkludierungsideologien zu instrumentalisieren keine Ernst zu nehmenden Reenacter - und haben in diesem schönen und toleranten Hobby nichts verloren.

Datum: 2015-05-28 16:56:42 CEST

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