Reenactment aus Aschaffenburg

Irrtum „Vollkontakt“

oder: „Vollkontakt“ ist von historischen Kampfesweisen weiter entfernt als Codex Belli

Legitimation punktbasierter Regelwerke, insbesondere „Huscarl

Erklärtes Ziel beim Reenactmentfechten ist die historisch in allen Aspekten korrekte Darstellung und das Nachempfinden von Kampfesweisen zu der dargestellten Zeit und in der dargestellten Region. Ein Großteil der in Deutschland aktiven Reenactor haben ihre Darstellung im 7. – 9. Jh. angesiedelt, im Allgemeinen werden Regionen ab der Elbe nördlich dargestellt (Angelsachsen, Angeln, das heutige Dänemark, Norwegen, Irland, Russland, Island). Es ist davon auszugehen, dass in der betrachteten Region und Zeit Rüstungen aus Metall sehr kostbar waren1. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass kaum jemand über nennenswerten Rüstungschutz aus Metall wie einen Helm verfügte. Auch reine Kriegswaffen wie Schwerter dürften durchaus selten gewesen sein. Waffen, die in ihrem eigentlichen Zweck ein Werkzeug sind (Axt zur Holzbearbeitung, Speer zur Jagd, Sax als Alltagsmesser) und zudem einen niedrigen Anteil an Metall aufweisen (wiederum Axt und Speer) dürften die vorherrschenden Waffengattungen zu der von uns dargestellten Zeit und Region gewesen sein. Grabfunde untermauern diese Annahme2.

Würde man nun konsequent den Weg des historisch in allen Aspekten korrekten Nachstellens der Kampfesweisen gehen, dann entscheidet der erste Treffer den Kampf. Dies muss kein tödlicher Treffer sein – wobei angenommen werden darf dass in Anbetracht der zu der fraglichen Zeit vorherrschenden allgemeinen Hygiene und dem Stand der Medizin nach eine offene Kampfwunde höchstwahrscheinlich früher oder später nach dem Kampf zum Tod geführt hätte – und er muss auch nicht in einer Wucht und Stärke ausgeführt werden die den Angreifer selbst für Gegenangriffe exponiert. Der erste Treffer muss den Gegner lediglich durch Schmerzen kampfunfähig machen, bzw. den Getroffenen in einen Nachteil bringen, der unweigerlich den Kampf entscheidet. Jeder der schon einmal mit einem – wohlgemerkt stumpfen – Schwert auf die Finger bekommen hat weiß das. Diese Art Treffer ist in keinster Weise tödlich, entscheidet aber unweigerlich den Kampf da der Getroffene unmittelbar und meist noch für mehrere Tage oder Wochen nicht mehr im Stande ist seine eigene Waffe zu führen.

So zielen die meisten Angriffe im Huscarl auf Stellen, die bei einem ungerüsteten Kämpfer mit dem ersten Treffer durch Schmerzen den Kampf entscheiden, wie Finger der Schwerthand, Ellenbogen, Schulterblatt, Schlüsselbein, Schädel, Kniescheibe, Schienbein, Schnitte zum Oberschenkel und in die untere Bauchgegend, Stiche zur Lende und zu den Rippen. Und hier kommt der erste Kompromiss: Damit alle am Kampf beteiligten am Montag wieder arbeiten können schützen sie sich mit Rüstung. Rüstung, die die allermeisten derjenigen Treffer, die bei ungerüsteten Kämpfern den Kampf entscheiden würden, wirkungslos werden lässt. Trotzdem wird der Kampf weiterhin nach dem ersten Treffer beendet, als würde keiner der Beteiligten Rüstung tragen. Der übrige Teil des Kampfes, bei dem der Getroffene zwangsläufig unterliegt und getötet wird, wird meist aus sportlichen Gründen ausgespart, Getroffene gehen beim ersten (in manchen Systemen nach dem zweiten) Treffer zu Boden. Akzeptiert werden nur Wirkungstreffer, also Treffer, die bei ungerüsteten Kämpfern das Ende des Kampfes bedeuten würden. Das Ermessen liegt stets beim Getroffenen selbst.

Aktuelle Tendenzen in der Szene gehen hin zu komplett versteckt getragenen Protektoren aus schlagzähem Kunststoff, so dass der Träger von außen betrachtet auch ungerüstet aussieht. Knackpunkt ist hier natürlich der Kopfschutz. Wird auf historisch korrektes Aussehen kein Wert gelegt können Fechtmasken zum Einsatz kommen, soll aber gleichzeitig ein für Publikum ansprechendes Bild gegeben werden, so bleibt nur der Verzicht auf Helme und damit auf Hiebe zum Kopf oder ein Kompromiss zu Ungunsten der Authentizität dahingehend, dass jeder beteiligte Kämpfer einen Helm trägt. Der Verzicht auf Stiche und Schläge ins Gesicht rührt auch aus der historischen Korrektheit3, so werden sichtbare Faceguards und Stichschutzgitter, die diese Techniken ermöglichen würden zunehmend von Veranstaltungen verbannt4, 5. Wenn schon die Anzahl der getragenen Helme nicht historisch korrekt ist, so soll es wenigstens der Helm an sich sein.

Irrtum „Vollkontakt"

Den Versuch vom bloßen aufeinander Eindreschen in schwerer Rüstung, sei sie historisch oder modern mit oft zusätzlich in den Helm eingearbeiteten Stichschutzgittern und konventionellen, stumpfen Hiebwaffen eine historische Kampftechnik ableiten zu wollen darf man getrost als Unfug abtun, denn es handelt sich hier eigentlich um einen Buhurt, einen Sport, der schon im Mittelalter nur eine Turniersportart war6.

Dass es derlei Kämpfe in realen Konflikten nie gegeben haben dürfte wird klar, wenn man die Waffen und Techniken betrachtet, die den Anfang vom Ende der Blüte der Ritterzeit markieren, wie Armbrust, Mordaxt, Hellebarde, Rabenschnabel, scharfe Streitkolben mit dreieckigen Blättern, Morgensterne, Nadelbodkin-Spitzen, Stilett, die alle ausnahmslos ihre Kraft auf einen winzigen Punkt konzentrieren und darauf ausgelegt sind, schwere Rüstungen zu durchdringen, schwer Gerüstete zu Fall zu bringen oder in die Augenschlitze zu stechen, die damals eben nicht mit Stichschutzgitter versehen waren. Ein Kampf zweier voll gerüsteter Ritter mit entsprechender panzerbrechender Bewaffnung und/oder Ausbildung in den gegen diese Art von Rüstungen wirkungsvollen Techniken wird daher ähnlich dem Kampf zweier ungerüsteter Kombattanten beim ersten Wirkungstreffer durch Schmerzen entschieden worden sein und dürfte damit nicht wesentlich länger gedauert haben als der Kampf zweier Ungerüsteter, so wie auch heute der Kampf zweier mit Schusswaffen bewaffneter Gegner nicht länger dauert. Mit der Verbesserung der Rüstung geht eben immer auch eine Verbesserung der Waffentechnik einher.

Bis zur Erschöpfung oder Aufgabe dürfte ein solcher Kampf nur dann gedauert haben, wenn die Kämpfer mit Waffen kämpften, die gegen die Rüstungen wirkungslos waren, wie Äxte, Schwerter, Säbel, stumpfe Streikolben oder Keulen, eben jene Waffen die gerne von „Vollkontaktsportlern“ eingesetzt werden. Die Absicht, mit diesen Waffen gegen die Rüstungen, die genau zum Schutze vor ebenjenen Waffen entworfen wurden Wirkungstreffer zu erzielen darf man bestenfalls als dumm bezeichnen, es sei denn als Sport wie auch der Buhurt eine Turniersportart war, bei dem man den Gegner nicht ernsthaft verletzen will. Das techniklose und rein auf Gewalt und unnötige Härte ausgelegte Eindreschen von schwer Gerüsteten aufeinander mit stumpfen Hiebwaffen kann daher bestenfalls als Sport, als „Reenactment des Buhurts“ angesehen werden, ist aber von historischen Kampfesweisen und Kampfabläufen realer Konflikte mit Tötungsabsicht wohl weiter entfernt als jedes punktbasierte Treffersystem.

Datum: 2016-01-19

Autor: Karrack

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