Reenactment aus Aschaffenburg

Zwischen Fund und Fiktion

Mit Horchknochen und Zeiteisen in meiner Haithabu-Bügeltasche. Reenactment, die Freude am gelebten Anachronismus und was das Ganze eigentlich soll…

1 Sammelbecken für schräge Vögel

"Die Furunkel am Arsch der Menschheit sind derzeit ja Mittelaltermärkte." – Eure Mütter1

Wenn sich ein Kfz-Mechaniker und ein Finanzberater am Wochenende auf irgendeiner Wiese mit den Worten "Seyd gegrüßt, Recke! Habet ihr wohl noch ausreychend Taler in eurer Katze um euch einen Humpen edlen Honigweins mit mir zu gönnen?" begrüßen tritt entweder irgendwo Nervengas aus - oder es ist Mittelaltermarkt. Aber warum tauchen diese Ansammlungen von Zelten, Verkaufsständen, Bratwurstbuden und flamboyant umherflanierenden Verrückten in immer größer werdender Anzahl2 an allen Ecken des Landes auf? Und wer sind eigentlich die Menschen, die sich auf solchen Veranstaltungen herumtreiben?

Um das beantworten zu können müssen wir uns mit dem sehr amorphen Begriff der sogenannten 'Mittelalterszene' auseinandersetzten. Dabei handelt es sich, laut Wikipedia, um "[…] eine subkulturelle Szene […], die die Kunst, die Kultur und das Alltagsleben des europäischen Mittelalters auf vielfältige Weise rezipiert, vor allem mit musikalischen und theatralischen Elementen sowie handwerklichen, kunsthandwerklichen und gastronomischen Angeboten."3 Naja, das macht es jetzt auch nicht wirklich deutlich. Darum versuche ich mal eine ganz eigene Definition des Wortes zu entwickeln:

" Mittelalterszene, die

Überbegriff, der die Gesamtheit aller an das europäische Mittelalter angelehnten Freizeitbeschäftigungen und kulturellen Werke beschreibt."

Aber vielleicht sollten wir das Ganze lieber von einer anderen Seite aus angehen. Einer der Kernbegriffe innerhalb der Szene ist die viel besungene Authentizität4. Was soll dieser Begriff in Bezug auf das Mittelalter eigentlich bedeuten? Um so näher etwas am tatsächlichen Mittelalter ist, umso authentischer (kurz 'a') ist es. Wer allerdings schon auf dem einen oder anderen Mittelaltermarkt gewesen ist mag sich an dieser Stelle fragen, was - wenn überhaupt - daran wohl 'a' sein soll.

"That's a temporal anomaly! Corn dogs didn't come into existence until the first half of the 20th century."

[Quelle: http://bigbangtheory.wikia.com/wiki/The_Codpiece_Topology, abgerufen: 2015-04-28 Tue]

Was ist die authentischste Version des Mittelalters die wir uns vorstellen können? Naja… eben das Mittelalter, die tatsächliche geschichtliche Epoche. Und umso weiter wir uns davon entfernen, umso näher kommen wir an das Reich von Phantasía heran. Wo Realität und Fakten keine Rolle mehr spielen. Wo abstrahierte Ideen und Konzepte, die sich auf die Geschichte oder populäre Geschichtsvorstellungen beziehen, Basis für bunte Ideen und phantastische Welten sind.

Vom tatsächlichen Mittelalter bis Phantasía, die Authentizität nimmt von links nach rechts ab.

[Quelle: Eigene Abbildung]

Wer möglichst nahe an das echte Mittelalter heran will, landet unweigerlich bei der Wissenschaft. Den Archäologen, Historikern, usw. In diesem Feld kann man sich sehr weit an die Realität vergangener Tage heranarbeiten. Zumindest so lange, bis man auf die trotz aller Geräte und Methoden bestehende Wand der Zeit schlägt. Zwischen der Grenze dessen, was wir heute erforschen und nachvollziehen können und der vergangenen Realität bleibt aber bei allen Bemühungen stets doch eine unüberbrückbare Lücke.

Vor dem Feld der Wissenschaft in Richtung Phantasia liegt eine andere Grenze. Diese Linie markiert den Grad von Authentizität bis zu dem ein sinnvolles und Spaß bringendes Rezipieren der Vergangenheit heute noch möglich ist. Von hier bis in die Tiefen Phantasías erstreckt sich die Mittelalterszene. Märkte, Schaukämpfe oder rekonstruierte Nahkampftraditionen, Handwerk, Kleidung, Musik, Geschichten - sogar eine eigene Kunstsprache5. Das alles hat seinen Platz irgendwo zwischen der Grenze zur Wissenschaft und der Unendlichkeit menschlicher Kreativität.

Zwischen Funden und Fantasie: Eine (unvollständige) Karte der Mittelalterszene.

[Quelle: Eigene Abbildung]

Vom Ork schlachtenden Barbarenkrieger bis zur museumsreifen Darstellung eines fränkischen Ritters, bei der jedes Detail durch Grabfunde belegt ist: Unter dem Dach der Mittelalterszene ist für diese beiden Gegensätze und alles was dazwischen liegt Platz. Und die Zuordnungen sind oft schwammig. Es mag Menschen geben, die sehr authentische Reenactment-Kleidung tragen, gleichzeitig aber großen Spaß an fantasievollem Marktsprech haben. Es mag Waldläufer geben, die mehr Wert auf handgenähte und naturgefärbte Kleidung legen als mancher Wikingerdarsteller, der die x% Polyester Tunika von der Stange kauft. Einige Veranstaltungen, wie das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS)6, ordnen sich schon durch ihre Namensgebung ganz klar der eher lose historisch inspirierten Sparte zu. Aber auch hier findet man zum Teil sehr authentische Reenactmentgruppen auf den Lagerflächen. Andere Märkte versuchen die Fahne des A-Anspruches hoch zu halten. Machen aber so viele Kompromisse, dass ein paar Elfensoldaten zwischen den Besuchern auch niemandem mehr auffallen würden.

Ein häufig gemachter Fehler ist es, verschiedene Teile der Mittelalterszene anhand ihrer Lage auf dieser 'A-Skala' zu bewerten. Wer sich im grobmittelalterlichen (GroMi) Bereich wohlfühlt, muss sich dafür vor einem A-betonten Reenacter nicht rechtfertigen. Immerhin geht es um Hobbys. Da gibt es kein richtig und falsch - nur das, was einem Spaß macht. Problematisch wird es nur wenn Menschen, die sich ganz klar auf der historisch inspirierten (also weniger authentischen) Seite der Szene bewegen, das selbst nicht erkennen und so auftreten als würden sie tatsächliche Fakten nachstellen. So etwas führt zu Verwirrung und verbreitet fantasievolle Ideen als historische Illusionen. Andererseits müssen aber auch Reenacter aufpassen, sich selbst nicht zu überschätzen und stets daran denken, dass zwischen ihnen und den Geschichtswissenschaften immer noch der Threshold liegt.

Und irgendwo in diesem Haufen stecke auch ich seit Jahren. Die Frage ist: Wo genau?

2 Was ist Reenactment?

Von GROMI/Low-Fanatsy bis in die Anfänge des Reenactment (meine Gewandung/Darstellung - von Links nach Rechts - in den Jahren 2007, 2009, 2012 und 2015).

[Quelle: Eigene Abbildung]

Jetzt schreibe ich schon zum dritten Mal über mein Hobby. Bisher habe ich mich allerdings stets davor gedrückt mich mit dem Begriff des Reenactments genauer auseinander zu setzen. Aber diesmal scheine ich da wohl nicht mehr so leicht davon zu kommen. Gut, stellen wir die Rückenlehnen in eine senkrechte Position, legen die Sicherheitsgurte an und los geht's…

"Re-enactment as a concept is as old as civilisation itself. As part of their infamous public games, the Romans refought past victories in the Coliseum […]. Tasteless and violent, it wasn't re-enactment as we know it today, but it did address the common theme of people being interested in what had happened in the past."7 So schreibt es Howard Giles in seinem sehr lesenswerten Text 'A Brief History of Re-enactment'. Zusammengesetzt aus den dem Präfix 'Re-' (engl. 'wiederholen' oder 'zurückkehren'8) und dem Wort 'enact' (engl. 'umsetzen' oder 'aufführen'9) beschreibt dieser Begriff alle Konzepte und Tätigkeiten, die das Ausleben/Aufführen/Vorführen vergangener Geschehnisse zum Ziel haben10, 11. Oder wie es in der britischen Gesetzgebung heißt:

"[…] any presentation or other event held for the purpose of re-enacting an event from the past or of illustrating conduct from a particular time or period in the past;" – Violent Crime Reduction Act 2006 (c. 38) Part 2 - Weapons etc.12

Damit ist der Begriff weder an eine bestimmte Epoche, noch an ein enges Handlungsspektrum gebunden. Man kann beliebige Phasen der Vergangenheit auf vielfältige Weise reenacten. Nehmen wir einmal die Markwölfe und unseren Ansatz zum Thema:

"Der eigentliche Kern unseres Hobbies ist das möglichst authentische Darstellen vergangener Epochen, im Falle der Markwölfe des europäischen Frühmittelalters. Hierzu bedienen wir uns Rekonstruktionsmethoden, die ähnlich auch in der experimentellen Archäologie Anwendung finden. Wir fertigen Kleidung und Gegenstände anhand von Quellen […] selbst an oder beziehen diese von Handwerkern, […]

Wir können anhand aussagekräftiger Funde und anerkannter Interpretationen maximal eine Annäherung an vergangene Zeiten erreichen. Doch über solch eine grobe Annäherung, letztendlich auf Vermutungen aufbauend, können wir dabei nie hinaus gelangen. […]

Zu einem umfassenden Erlebniss gelebter Geschichte gehört für viele auch der Versuch gesellschaftliche Verhältnisse, Standesdünkel und pseudo-historische Sprache zu porträtieren. Bei den Markwölfen nehmen wir aus verschiedenen Gründen Abstand von solchen Bemühungen. […]

Recherche und Nachforschung sind […] ein schöner und elementarer Bestandteil unserer Tätigkeit. Den Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit und Methodik können und wollen wir dabei allerdings nicht erheben.

Und bei aller Gewissenhaftigkeit bleibt auch Romantisierung zu einem gewissen Grade nie aus. […] Aber weder ein Loblied auf 'gute alte Zeiten' noch Schauergeschichten vom 'finsteren Mittelalter' werden den Ansprüchen die wir an uns stellen gerecht. Auf dem Grat zwischen diesen Extremen versuchen wir für uns selbst sowie für Veranstalter und Besucher ein möglichst sachliches Bild der Geschichte zu erzeugen - dabei aber auch nie zu vergessen, was wir mit diesem Bild eben alles nicht zeigen können." – markwoelfe.de13

Das wäre ein Beispiel von hunderten wie man Reenactment betreiben kann. Die Wikipedia unterscheidet fünf Hauptfelder dieser Tätigkeit:

Living History
"The term 'living history' describes the performance of bringing history to life for the general public in a manner that in most cases is not following a planned script. Historical presentation includes a continuum from well researched attempts to recreate a known historical event for educational purposes, through representations with theatrical elements, to competitive events for purposes of entertainment."
Combat demonstration
"Combat demonstrations are mock battles put on by reenacting organizations and/or private parties primarily to show the public what combat in the period might have been like. Combat demonstrations are only loosely based on actual battles, if at all, and may simply consist of demonstrations of basic tactics and maneuvering techniques."
Battle reenactment
"Scripted battles are reenactments in the strictest sense; the battles are planned out beforehand so that the companies and regiments make the same actions that were taken in the original battles."
Tactical combat
"Tactical battles are fought like real battles with both sides coming up with strategies and tactics to beat their opponents. With no script, a basic set of agreed-upon rules […], and on-site judges, […]"
Commercial reenactment
"Many castles, museums, and other historical tourist attractions employ actors or professional reenactors as part of the experience. These usually address the recreation of a specific town, village, or activity within a certain time frame. Commercial reenactment shows are usually choreographed and follow a script."14

Im deutschsprachigen Raum sieht man das leider genau anders herum. Dort wird Reenactment als eine Unterkategorie der Living History eingeordnet15. Was natürlich Humbug ist. Und um noch einmal auf die Mittelalterszene zurück zu kommen: Reenactment ist nur dann ein Teil dieser Szene, wenn es um das Reenacten einer Epoche des europäischen Mittelalters geht. Mittelalter-Reenacter sind der Teil der Mittelalterszene, der gesteigerten Wert auf Authentizität legt und sich damit zwischen dem 'Fun Threshold' und dem GroMi-Bereich bewegt. Sie sind Teil der Reenactmentszene, die sich ansonsten im gleichen A-Spektrum aber in anderen Epochen bewegt. Und sie sind Teil der Mittelalterszene, die sich ansonsten in der gleichen Epoche aber in anderen A-Spektren bewegt.

Beispiele für Reenactment anhand chronologischer Ausrichtung und Tätigkeit und das europäische Mittelalterreenactment als Teil der Mittelalterszene.

[Quelle: Eigene Abbildung]

Die Markwölfe bewegen sich also im Living History Subgenre des Mittelaltereenactments und sind damit sowohl der Reenactmentszene, als auch dem historisch-basierten Teil der Mittelalterszene zuzuordnen. Wobei ich persönlich 'Living History' ungern als 'Lebendige/Lebende Geschichte' übersetzte. Ich interpretiere 'Living' lieber als die mittels Gerund 16 nominalisierte Form des Verbs 'leben'. Und damit den ganzen Begriff als gelebte Geschichte. Da stimmt mir die deutsche Wikipedia auch ausnahmsweise zu17.

3 Was das Ganze eigentlich soll

Warum wir das alles treiben lässt sich eigentlich leicht - mit nur einem einzigen Wort - beantworten: Spaß! Und prinzipiell braucht es doch auch nicht mehr um ein Hobby zu begründen. Das wäre zumindest der Fall, wenn unser Hobby Fußball, Tennis, Auto-Tuning oder Stricken wäre. Aber wir machen Reenactment. Und wie viele andere Freizeitbeschäftigungen bewegen wir uns damit außerhalb des üblichen Akzeptanz-Radius der Gesellschaft und sehen uns immer wieder mit der Frage konfrontiert: "Was soll das?"

Da wäre zunächst die Frage, wie man ausgerechnet beim Mittelalter landet - und dabei insbesondere bei den frühmittelalterlichen Nordseepiraten, die wir als Wikinger kennen. Kurz gesagt: Ich fürchte, ich habe einfach ein paar mal zu oft den 13ten Krieger gesehen. Warum ausgerechnet diese Epoche und diese Demographien eine solche Faszination auf mich haben kann ich nur schwer in Worte fassen oder rational begründen.

"I cannot lift this." "Grow stronger!"

[Quelle: http://13thwarrior.dreamwidth.org/30964.html, abgerufen: 2015-05-15 Fri]

Vielleicht ist die Auswahl der Lieblings-Geschichtsepoche ähnlich wie die der Lieblings-Musikrichtung. Irgendwie eine Mischung aus individueller Präferenz und Peergroup-Dynamik. Also waren es wohl ein wenig popkulturelle Rezeption, ein bisschen der Zufall, dass ich über eine Gruppe von Wikinger-Reenactern vom GroMi ins Reenactment Hobby gerutscht bin und nicht zuletzt die Tatsache, dass es in und um Deutschland eine vergleichsweise große und sehr aktive Szene von Wikinger Reenactern gibt, die die Wahl meiner Epoche beeinflusst haben.

So viel zur Epoche. Und warum muss es dann ausgerechnet Reenactment sein? Am liebsten würde ich darauf natürlich mit den inzwischen auch von Fachleuten diskutierten Möglichkeiten des Reenactments als Mittel der Wissensvermittlung antworten18. Tatsächlich ist das als wichtiger Faktor unseres Hobbys nicht von der Hand zu weisen. Egal, ob wir auf sehr A-betonten Veranstaltungen versuchen tatsächliche Auseinandersetzungen darzustellen19 (Battle Reenactment), oder auf gewöhnlichen Mittelaltermärkten unsere Handwerke und deren Erzeugnisse zeigen, mit Besuchern reden und dabei ganz nebenbei Wissen über unsere Epoche weitergeben (Living History). Wer in der Szene herum fragt wird bestimmt von vielen Menschen hören, dass die Möglichkeit Geschichte für andere erlebbar zu machen eine große Motivationsquelle ist.

Aber ich glaube was noch weit mehr Gewicht hat ist das eigene Erleben der Geschichte. Wir wollen selbst in die von uns dargestellten Epochen eintauchen. Soweit es eben sinnvoll möglich ist. Auch wenn wir zumeist kein klassisches Rollenspiel betreiben, haben doch auch Reenacter so etwas wie ein Alter Ego in das sie bei Veranstaltungen zu einem gewissen Grad schlüpfen. Beim Reenactment geht es um mehr als nur Wissen über die Geschichte, wie man es aus Büchern und wissenschaftlichen Publikationen lernen kann. Es geht darum sich selbst eine möglichst authentische Erfahrung der Vergangenheit zu verschaffen.

Mir persönlich ging es, als ich anfing vom grobmittelalterlichen Bereich die A-Skala nach oben zu wandern, vor allem um die größere Herausforderung.

4 Ihr macht das falsch

Vorhin habe ich ja behauptet es gäbe in unserem Hobby "kein richtig und falsch - nur das was einem Spaß macht". Das ist natürlich nur bedingt richtig. Egal wo man sich innerhalb der Mittelalterszene einordnet: Wer eine PET Flasche offen sichtbar durch das Lager trägt macht etwas falsch! Und wenn man sich das Ziel setzt, dem Fun Threshold immer näher zu kommen, begibt man sich damit auch auf Boden, auf dem man immer mehr falsch machen kann. Denn wo im GroMi und Fantasy Bereich Dinge mit der passenden Hintergrundgeschichte verargumentiert oder mit einem Augenzwinkern übersehen werden können, bleibt beim Reenactment oft nur die Frage: Wo ist der Fund?

Genau daher kam - zumindest in meinem Fall - auch die ursprüngliche Begeisterung und Anziehungskraft des Reenactments. Es war großer Spaß mit schwarz-weißen Polyester-Waffenröcken über Mittelaltermärkte zu ziehen. Aber als mir das erste Mal jemand erklärt hat, nach welchem Bodenfund das Schnittmuster für seine Tunika rekonstruiert wurde, wusste ich: Das will ich auch. Natürlich kann man auch in weniger authentischen Bereichen viel Arbeit und Akribie in verschiedenste Details stecken. Aber nur beim Reenactment muss man das auch. Und das oberste Credo dabei ist immer, dass es um das Sein und nicht den Schein geht. Dinge sollen nicht authentisch wirken ("man sieht doch nicht ob das naturgefärbt ist…"), sie sollen authentisch sein.

Wer Reenactment macht, kann eine Menge falsch machen. Da muss das Kleidungsstück dann plötzlich nicht nur a sein, es muss auch noch chronologisch und geographisch zum Rest der Darstellung passen. Die Ruderkiste soll nicht nur optisch dem Oseberg-Fund entsprechen, sie sollte auch mit den richtigen Nägeln versehen sein. Diese Liste kann man beliebig verlängern und mit immer mehr Details ausschmücken. Auch innerhalb des Bereiches 'Mittelalter Reenactment' gibt es ein A-Gefälle. Und auch hier bleibt es wieder jedem Darsteller und jeder Veranstaltung überlassen sich selbst einzuordnen.

Natürlich sind den Reenactern "[…] wie bei jedem Hobby, auch Grenzen an Aufwand und Zeit gesetzt, was immer wieder das Eingehen von Kompromissen notwendig macht."20

Im Wikingerlager mit dem Smartphone telefonieren - darf man das?

[Quelle: Eigene Abbildung]

Eine Zeit lang habe ich in meinem Zelt nichts unauthentisches geduldet. Bis ich vom Schlafen auf ein paar dünnen Fellen immer wieder Rückenschmerzen bekam. Inzwischen steht neben meiner Schaumstoffmatratze sogar ein Gasheizer für kalte Tage. Wenn man ein mal bei 20°C unter Null komplett ohne moderne Hilfsmittel genächtigt hat, wird man eben kompromissbereit. Und so ziehen sich die kleinen und großen Anachronismen selbst über den authentischsten Reenactment-Mittelaltermarkt.

" Anachronismus, der

  1. falsche zeitliche Einordnung
  2. durch die Zeit überholte Einrichtung" – duden.de21

Von 'außen' betrachtet ist natürlich der ganze Mittelaltermarkt ein Anachronismus. Etwas, das eigentlich nicht ins 21. Jhdt. passt. Von 'innen' gesehen ist im Gegensatz dazu alles was nicht in die dargestellte Zeitspanne passt ein Anachronismus. Die Theke an der sich die Besucher mit Bier und Cola versorgen können. Der Kinderwagen und die Kameras mit denen man über den Platz schlendert. Das Smartphone oder die Zigarettenpackung die mancher Darsteller (ich…) in seiner a nach Fund aus Haithabu gefertigten Bügeltasche versteckt. Die Mineralwasserflaschen die man heimlich im Zelt in den Tonkrug umfüllt. Von diesen Innen-Anachronismen gibt es zwei Kategorien: 1) Sichtbare Fehler (wie die Getränke-Theke). 2) Unsichtbare Fehler (wie die PET Flaschen im Zelt). Davon abgesehen gibt es natürlich die unvermeidlichen Absurditäten, wie die Anreise einer Wikingerhorde mittels VW-Bus statt Drachenboot.

Hier ist die große Kunst des Kompromisses gefragt. Besucher erwarten mit Getränken und leckerem Essen versorgt zu werden. Da muss ein Veranstalter eben ein Auge zudrücken. Die Darsteller müssen sichtbare Fehler vermeiden. Was die unsichtbaren Fehler angeht muss jeder für sich selbst den richtigen Mittelweg finden. Wer auf komplette kompromisslose Authentizität setzt wird sich schwer tun Lebensmittel und einen gemütlichen Schlafplatz mitzubringen. Wer des Komforts wegen zu viele Abstriche macht beschneidet sein eigenes Erleben der Vergangenheit.

Am Ende ist Reenactment der Tanz zwischen Fun Threshold und GroMi, zwischen bierernster Geschichtsrekonstruktion und bierseligem Festivalflair. Der Reenacter versucht einen Anachronismus der heutigen Zeit temporär zu (er-)leben. Und verbricht dabei Anachronismen seiner dargestellten Zeit. Irgendwo zwischen Recherche, Handwerk, Kampfsport und Campingausflug. In einer bunten und vielfältigen Szene - zwischen Fund und Fiktion. Und es bleibt die eine Frage offen: Machen wir den Scheißdreck weil wir blöd sind, oder hat der Scheißdreck uns erst blöd gemacht? Ladadeideidadadei…

Fußnoten:

1 https://www.youtube.com/watch?v=D-x0KRfFIs [Abruf: 2015-04-28 Tue]

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelaltermarkt#Verbreitung [Abruf: 2015-04-28 Tue]

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalterszene [Abruf: 2015-04-29 Wed]

4 http://www.duden.de/rechtschreibung/Authentizitaet [Abruf: 2015-04-29 Wed]

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelaltermarkt#.E2.80.9EMarktsprech.E2.80.9C [Abruf: 2015-04-30 Thu]

6 https://de.wikipedia.org/wiki/MittelalterlichPhantasieSpectaculum [Abruf: 2015-04-30 Thu]

7 http://www.eventplan.co.uk/page29.html [Abruf: 2015-05-05 Tue]

8 http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/re- [Abruf: 2015-05-05 Tue]

9 http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/enact [Abruf: 2015-05-05 Tue]

10 http://www.oxforddictionaries.com/definition/english/re-enact?q=reenactment#re-enact_15 [Abruf: 2015-05-05 Tue]

11 https://dict.leo.org/#/search=act out [Abruf: 2015-05-05 Tue]

12 http://www.legislation.gov.uk/ukpga/2006/38/pdfs/ukpga20060038en.pdf [Abruf: 2015-05-05 Tue]

13 http://markwoelfe.de/group/portrayal [Abruf: 2015-05-05 Tue]

14 https://en.wikipedia.org/wiki/Historicalreenactment#Typesofreenactment [Abruf: 2015-05-05 Tue]

15 https://de.wikipedia.org/wiki/LivingHistory#Definition.2CAbgrenzungundHerkunftdesBegriffes [Abruf: 2015-05-06 Wed]

16 https://en.wikipedia.org/wiki/Gerund#GerundsinEnglish [Abruf: 2015-05-07 Thu]

17 https://de.wikipedia.org/wiki/LivingHistory [Abruf: 2015-05-07 Thu]

18 http://www.fu-berlin.de/vv/de/lv/120955?sm=69108 [Abruf: 2015-05-15 Fri]

19 http://www.projekt-eisenwald.de/?pageid=19 [Abruf: 2015-05-15 Fri]

20 http://markwoelfe.de/group/portrayal [Abruf: 2015-05-18 Mon]

21 http://www.duden.de/rechtschreibung/Anachronismus [Abruf: 2015-05-18 Mon]

Datum: 2015-05-19

Autor: Brandolf

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